Gehorsam? Ziviler Ungehorsam!

Gehorsam ist die Unterwerfung unter den Willen eines anderen. Dieser Andere übt Macht über den Unterworfenen aus. Bereits in frühester Kindheit beginnt diese Unterwerfung, lange bevor Sprache und Denken sich ordnen, so dass der Gehorsame später seine Unterwerfung während der Kindheit gar nicht wahrnimmt und sie erduldet, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Aus diesem Grund entwickeln sich etliche Kulturen wie die unsrige: Fest verankerte Konventionen verführen zu reflexartigem Gehorsam, veranlassen uns, Obrigkeiten nicht in Frage zu stellen, verleiten uns zur Hingabe an vorgegebene Programmierungen, zu Gruppendenken und machen uns schließlich unfähig, selbst zu denken und selbstbestimmt zu handeln.

Die Wurzeln dieses uralten Mechanismus finden sich in frühester Kindheit. Damals waren wir den Erwachsenen, die uns versorgten, aber uns auch ihren Willen aufzwangen, ausgesetzt. Diese Erfahrung bedroht jedes kindliche Selbst, das sich gerade entwickelt. Kinder, deren Willen auf diese Weise gebrochen wurde, entwickeln einen verhängnisvollen Gehorsam gegenüber Autoritäten. Unsere Entwicklung wird dadurch gestört, dass sie Gehorsam verlangt und eine Identifizierung mit demjenigen, der Gehorsam einfordert. Wenn ein Kind von demjenigen, der es schützen sollte, körperlich und / oder seelisch überwältigt wird und das Kind zu niemandem fliehen kann, wird es von Angst überwältigt. Es kann nicht damit leben, dass die Eltern sich von ihm zurückziehen. Ohne Echo für seine ihm eigene Wahrnehmung kann ein Kind nicht überleben. Es übernimmt, um eine Verbindung aufrechtzuerhalten, die Erwartungen der Eltern. Auf diese Weise wird das seelische Sein eines Kindes in seiner autonomen Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit geradezu ausgelöscht.

Für ein heranwachsendes Kind oder einen jungen Erwachsenen ist dann nur noch ein Ausweichmanöver möglich, um die Angst, mit der keiner leben kann, in den Griff zu bekommen: Sie wird abgespalten - nicht nur verdrängt. Abspaltung bedeutet, dass ein Mensch Teile seiner Psyche, die ihm zur Gefahr wird, absondert.

Ein Großteil der erwachsenen Menschen fühlt sich besonders bedroht, wenn sie mit der Wahrheit über ihren Gehorsam konfrontiert werden. Diese Bedrohung erinnert uns an die eigentlichen Umstände unser frühkindlichen Entwicklung, die aufs Engste mit dem Gehorsam verbunden sind. Diese Umstände müssen daher unterdrückt werden, weil sie, wie oben beschrieben, sonst Angst und Terror auslösen können.

Es ist mehr als merkwürdig, dass ein Mensch, wenn er bedroht und terrorisiert wird, dazu neigen kann, sich mit demjenigen zu identifizieren, der ihn terrorisiert. Mehr noch, der Bedrohte verschmilzt sogar mit dem Bedroher und gibt seine Identität zugunsten der ihn terrorisierenden Instanz auf. So erhofft dieser Mensch - was nie gelingen kann - sich retten zu können. (man nehme hier nur ein aktuelles Beispiel: Unendlicher Hass von sehr vielen erwachsenen Menschen prasselt auf die "Fridays for Future" Bewegung herab, die sich grundlegende, radikale Veränderung wünscht. Anstatt Seite an Seite mit den Jugendlichen zu stehen, und für einen lebenswerten Planeten zu kämpfen, auf dem ja auch sie und ihre Kinder leben müssen, verbünden sich diese Menschen mit dem gesellschaftlichen Agressor um auch weiterhin dem Gehorsam zu zeigen, unter dem sie selbst leiden (z.B. der zerstörerischen und raubbautreibenden Industrie, dem Staat, dem "Wachstum" usw...*)

Der Gehorsam ist ein nicht zu leugnender Aspekt unserer Kultur. Aus ihm resultieren politische Folgen, die ihrerseits eine Pathologie spiegeln, die von unserer Kultur begünstigt wird. Wer Demokratie stärken will, muss daher auf die Wurzel dieser Pathologie - den kritiklosen, blinden Gehorsam - zielen.

 

Wer den Mut zum Ungehorsam hat, der entzieht sich nicht nur vermeintlichen Autoritäten, sondern nimmt die Menschen lebendig und mitfühlend wahr. Es ist höchste Zeit, gegen die Kultur des verschwiegenen Gehorsams zu revoltieren: Nur so können wir die Welt zu einem besseren Ort machen, uns gegenseitig stärken und besser miteinander leben.
👉Aus dem Buch „Wider den Gehorsam“ des Schriftstellers, Psychologen und Psychoanalytikers Arno Gruen, welches ich euch wärmstens empfehlen möchte.

*Einschub von mir.