Erster Advent

„Und das Licht scheinet in der Dunkelheit“ (Leo Tolstoi)


Gestern sind wir einige Stunden kreuz und quer durch die Gegend Europas, mit der dichtesten, landschaftlich durchsetzten, agrarindustriellen Intensivtierhaltung gefahren.
Durch jeden kleinen Ort im Oldenburger Münsterland in Niedersachen.
In das Herz der Dunkelheit.


Zahlen und Fakten rattern durch meinen Kopf:
Das Oldenburger Münsterland weist die größte Dichte an Geflügel-, Schweine- und Rinderzuchtbetrieben in Deutschland auf.
Das sogenannte „Silicon Valley der Agrarindustrie“.
Etwa jede dritte Pute, jedes fünfte Ei, jedes achte Hähnchen und jedes zehnte Schwein aus deutschen Landen kommt aus dem Oldenburger Münsterland.
Von den rund 8,5 Millionen Schweinen in Niedersachsen (8 Millionen Einwohner) stehen allein mehr als eine Million im Landkreis Cloppenburg und eine knappe Million im Landkreis Vechta.
Bei Niedersachsens „Tierseuchenkasse“ sind über 63 Millionen Masthühner und 18 Millionen Legehennen registriert.
Die Gegend zwischen Oldenburg in Niedersachsen und Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen ist Deutschlands größte Schlachtanlage.
Hier werden jedes Jahr 3,5 Millionen Tonnen Schweine-, 900.000 Tonnen Geflügel- und 400.000 Tonnen Rindfleisch „produziert“.
Laut dem "Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit" gehört das Oldenburger Münsterland zu den Spitzenreitern bei der Ausgabe von Antibiotika in der Intensivtierhaltung.


Schweine. Kühe. Hühner. Puten.
Millionen und Abermillionen.
Im Dunkeln stehende, unsichtbare Schattenarmeen von empathiefähigen Lebewesen, mitten unter uns, wartend auf den Tod. Minütlich. Sekündlich. Jetzt.
Wir hier draußen. Sie dort drinnen.


Eingepfercht in diese langgestreckten, ziehharmonikaartigen, flachen Gebäuden mit den hohen Schornsteinen auf dem Dach.
Rotklinkermauerntierfabriken, die sich mit ihren Futtersilos wie Fremdkörper auf die Felder, hinter den Baumbewuchs drücken; während die helle, kalte Novembersonne durch die kahlen Bäume scheint.
Die Sonne scheint durch die kalten, kahlen Bäume und ich kann es riechen.
Kann SIE riechen.
Wir beobachten Kinder, die sich, unbeschwert lachend auf dem Heimweg von der Schule, zuwinken.
Wir beobachten Erwachsene, die unbeschwert an den Tierfabriken vorbeilaufen, mit ihren Hunden Gassi gehend.
Wir beobachten Tiertransporter, die sich durch kleine, enge Straßen zwängen, geladen mit ihrer „Fracht“, mit all den Seelen, die bald ausgelöscht werden.


Mir fällt das alte Kinderspiel ein: „Ich sehe was, was du nicht siehst…“
„ICH sehe Herzen, die schlagen, Lungen, die atmen, Leben, das leben will, und Leben, das nicht länger leben darf.“

Ich schließe meine Augen und stelle mir diese Frage, die ich mir seit langer Zeit täglich stelle:
„Wie kann eine Welt möglich sein, die von Unterdrückung und Ausbeutung gegenüber den Schwachen, Krieg und Terror gekennzeichnet ist?“
„Nur weil so viele Menschen wegschauen und nichts tun, sich nicht ändern wollen oder denken, es nicht zu können.“, gebe ich mir selbst die Antwort.


Vor meinem Auge zeichnet sich ein Bild ab:
Ich stelle mir einen Ausbruch, eine Revolution vor.
Ein Ausbruch von all den Tieren, den Sanften, den Geduldigen, den Schweinen, den Rindern, den Hühnern; und all die Ausgebeuteten, Mensch wie Tier, kommen frei.
Die Arbeiter, meist aus Rumänien, Ungarn, Bulgarien oder anderen osteuropäischen Ländern, die selbst von der Fleischindustrie ausgebeutet werden, haben ihre Arbeit niedergelegt und lassen die „Produktion“ ruhen.

Die Tiere treten aus den Werkstoren und schütteln ungläubig ihre Köpfe.
Hoffnung.
Hoffnung auf eine bessere Welt, ist das, was bleibt.
Hoffnung, dass wir, die wir täglich für Mensch und Tier kämpfen, mit unserer Arbeit mehr und mehr, immer mehr Köpfe und Herzen erreichen.
Hoffnung, das ich mit meinen Taten, meinen Worten etwas bewegen kann.
Hoffnung, dass immer mehr Menschen die Ausbeutung von Mensch & Tier, Ernährung, Umwelt, den Zustand unseres Planeten, Frieden & Krieg in einen Zusammenhang bringen.


Ich öffne meine Augen.
Wir sind schon längst wieder auf der Autobahn nach Hause.
Ein letzte Frage hängt wie Kaugummi in meinen Synapsen:

„Kann ich mit meiner Menschlichkeit ein Licht in die Dunkelheit tragen?“

„Ja!" sage ich laut zu mir. „Das kann ich!“

Was ist mit dir?
Kannst DU?


P.S. Die Grafik, sowie der Text, sind NICHT Inhalt des Buches "Max & Fine" ("Max & Fiona“).
It´s Creativity, tho!