Erinnerungen

Als du noch sehr klein warst, hattest du vielleicht einen Hund oder eine Katze.
Vielleicht erinnerst du dich, jetzt wo du erwachsen bist, nicht mehr an alles, aber du erinnerst dich doch daran, dass du dein Tier sehr geliebt hast.
Du hast mit ihm im Garten gespielt, es gefüttert und denkst auch heute noch gerne an die kleinen Spaziergänge mit ihm zurück.


Du erinnerst dich, dass deine Eltern dich mit in den Zoo nahmen und dein Mund vor Staunen weit offen stand, als du die riesigen Giraffen in ihrem Gehege, die furchteinflößenden Löwen in den engen Käfigen und die geschickten Affen hinter ihren Umzäunungen bestaunt hast; du durftest sogar einem Elefanten eine Nuss hinhalten, die der Elefant dir dann mit seinem Rüssel aus der Hand geschnappt hat.
Er stand ganz alleine in seinem kleinen Haus mit Gittern.


Du erinnerst dich so gerne an die Ausflüge auf den Jahrmarkt, ranntest von einer Attraktion zur nächsten, aber deine Lieblingsbeschäftigung war das Ponyreiten; immer und immer wieder im Kreis herum.
Tausendfach.
Dabei hast du vor Freude gekreischt und deinen Eltern zugewunken, die lachend an der Seite standen.
Du hast das Pony geliebt, sein Fell war weich und es war immer so geduldig; nie hat es nur einen Laut von sich gegeben, im Gegensatz zu den schnatternden Delphinen im Zoo, die für dich durch Reifen sprangen und als Belohnung für ihre Kunststücke Fische bekamen.


Du erinnerst dich, dass du mit deinen Klassenkameraden im Zirkus warst und den Bären auf dem Einrad bestaunt hast, der so lustig wirkte, mit seinem Hut auf dem Kopf und der komischen Weste, die er anhatte.
Und die Seehunde erst, die du streicheln durftest; ihre Haut war so feucht, immerzu klatschten sie mit ihren Flossen und wackelten mechanisch mit ihren Köpfen hin und her.


Auch an den Abstecher auf den Bauernhof kannst du dich noch gut erinnern.
An die Schweine, in ihren viel zu kleinen Buchten, die dich wach und neugierig anblickten und dir in die Hand knabberten, bis du kieksend davon ranntest.
An die Kühe im dunklen Stall mit ihren wunderschönen, sanften Augen und ihren feuchten Zungen, die dein Gesicht leckten, bis du kichern musstest.


Dann wurdest du älter, deine Katze oder dein Hund starb, und du warst sehr traurig.


Nach und nach fallen dir all die Tiere ein, die dir im Zirkus, im Zoo, auf dem Jahrmarkt und auf dem Bauernhof Freude bereitet haben und du fragst dich, ob sie wohl noch leben oder auch schon gestorben sind.
Der Elefant in seinem Gitterhaus, der Bär auf dem Einrad, die Kuh im Stall, das neugierige Schwein, das geduldige Pony und du bemerkst, wie sehr du alle Tiere schon immer geliebt und wie viel Empathie du ihnen schon von Geburt an entgegengebracht hast.


Du erfährst, dass all die Tiere gar nicht freiwillig dort gelebt haben, dass sie eingesperrt wurden, zur Belustigung der Menschen Dinge machen mussten, die sie freiwillig nie gemacht hätten; du findest heraus, dass die Menschen ihnen erst ihre FREIHEIT, dann ihre WÜRDE, ihre FREUNDE, ihre KINDER und zuletzt ihr LEBEN genommen haben.


Du erfährst, dass die Wurst auf deinem Brot, die Milch in deinem Glas, das Steak von deinem Grill zu den Tieren gehörten, die du so geliebt hast.
Dass die, die du so geschätzt hast, für deinen Konsum ausgelöscht worden sind.
Für immer.


Heute, wo du erkennst, dass du so getäuscht worden bist, bist du sehr wütend, und ich kann dich verstehen, mir geht es nicht anders, doch ich kann dir auch sagen, dass die Wut, die wir der Gesellschaft oder vielleicht sogar unseren Eltern gegenüber an den Tag legen, keine langfristige Lösung ist.
Die Lösung liegt schon seit Anbeginn in uns selbst und jetzt ist es unsere Aufgabe, den anderen Menschen, deren Empathie durch die Zeit verschüttet wurde, dabei zu helfen, sie wieder offen zu legen, indem wir den Menschen die Zusammenhänge klar machen.
Immer und immer wieder.
Bis sie es verstehen.


Du bist die Antwort!


„Wir haben nicht zwei Herzen - eins für die Tiere und eins für die Menschen. In der Gewaltausübung gegenüber ersteren und der Gewaltausübung gegen letztere gibt es keinen anderen Unterschied als derjenige des Opfers.“
Alphonse de Lamartine