45 Sekunden

"Stell dir vor, Fine! Wenn die Kühe ins Schlachthaus kommen, werden viele von ihnen getötet, ohne davor vollkommen betäubt zu werden."

Wir waren gerade auf dem Weg ins Dorf, als mein Papa mir das erzählte.

Er blieb stehen und schnaufte.

"Ich habe gestern Abend die Nachrichten geschaut und da kam ein Bericht darüber. Ich habe das heute meinen Arbeitskollegen erzählt. Viele haben von den Zuständen in den Schlachthöfen absolut keine Ahnung und einige wollten es auch nicht wissen. Ich war ganz schön ärgerlich, das kannst du mir glauben!"

Ich dachte an Luise und Max und malte mir das Schrecklichste aus.

"Die meisten Menschen interessiert es überhaupt nicht, wie das Fleisch auf ihren Teller kommt, Fine. Und sie haben sich auch noch nie damit beschäftigt. Das gleiche mit der Milch, aber das weißt du ja schon. Niemand muss Milch trinken, um gesund zu bleiben!"

Ich nickte.

"Viele Menschen, die in Schlachthöfen arbeiten, müssen in Akkordarbeit bis zu 80 Rinder in der Stunde töten, d.h., sie haben pro Rind 45 Sekunden Zeit, um es ordnungsgemäß zu betäuben, aus der Falle, in der es fixiert wurde, hinauszuwerfen und den Schnitt an der Kehle des Rinds anzusetzen, damit es ausbluten kann. Dabei kommt es nicht selten zu Fehlschüssen und somit zu Fehlbetäubungen.

In diesem Fall müssen die Tiere bei vollem Bewusstsein miterleben, wie ihnen die Kehle durchschnitten wird und wie sie verbluten – im Jahr 2012 traf dies auf bis zu 9 % aller Rinder zu, das sind rund 350 000 von ihnen."

Er blickte mich an, sah, wie traurig ich geworden war und umarmte mich.

"Ist o.k., Papa. Vieles davon wusste ich schon. Herr Karl hat mir vor ein paar Tagen beim Scheune reparieren schon einiges erzählt, als ich ihn mit Fragen gelöchert habe."

"Ist das so?", entfuhr es meinem Papa und schüttelte verwundert den Kopf.

"Papa! Ich weiß, dass das bald ein Ende haben wird. Niemand braucht Milch, die ist so unnötig wie Krieg führen und ich bin auch ohne Fleisch glücklich und gesund. Ich finde es schlimm, dass einige meiner Freunde so etwas essen müssen, nur weil ihre Eltern es nicht besser wissen. Wie bei deinen Arbeitskollegen. Und weißt du was? Die pflanzlichen Leckereien, die ich mit in die Kita bringe, schmecken denen immer besser, als das, was ihre Eltern ihnen mitgeben."

Mein Papa lächelte.

"Du bist wirklich das klügste Mädchen, Fine. Ich bin sehr stolz auf dich!"

Traurig gingen wir weiter.

Ich dachte an all die Kühe, die Millionen Kühe, eine Menge, die ich mir gar nicht vorstellen konnte, und Tränen liefen mir die Wangen hinunter.

Liebe Freunde, vergesst die armen Seelen nicht!

Eure Fine

Quellen:

Deutscher Bundestag: Tierschutz bei der Tötung von Schlachttieren. 2012. Drucksache 17/10021 (Seite 6)

Albert - Schweitzer - Stiftung für unsere Mitwelt: Fehlbetäubungen im Akkord

Kurz & schmerzlos? Was erlebt ein Rind im Schlachthof

Süddeutsche Zeitung: Unnötiges Leiden

nTV: In fünf Sekunden kommt der Tod

 

P.S. Dieser Text ist nicht Inhalt des Buchs "Max & Fine".

"Max & Fine" ist so konzipiert, dass die Geschichte auch nach dem großen Abenteuer, das die Hauptprotagonisten Luise, Max & Fine zusammen erlebt haben, und das in dem Buch erzählt wird, hier im Blog (sowie auch auf der FB Seite) weitergeht. Manchmal sind es Erlebnisse, die zum "Kuhniversum" gehören, manchmal sind es leckere Rezepte oder einfach kleine Anekdoten. Manchmal sind es auch ernste Texte, wie dieser hier.

Das Anliegen ist, die Menschen auf Problematiken aufmerksam zu machen, die tatsächlich so geschehen.