Die wilde Gerda & Die Milch

Auch im Winter flitze ich jeden Morgen so schnell ich kann mit meinem roten Fahrrad auf der schmalen Straße zu meiner Kita, die inmitten von hohen Bäumen in einem Wald steht.

Der Weg führt mich entlang eines kleinen Baches, der sich an unserem Haus vorbeischlängelt.
Nachmittags fahre ich mit wehenden Haaren über Felder und Wiesen, Stock und Stein zurück nach Hause.
Doch heute war etwas anders als sonst.
Als ich durch den Wald fuhr, stand plötzlich, wie aus dem Nichts, etwas vor mir:
Es hatte 4 Beine, einen langen, dünnen Schwanz, und große, funkelnde Augen, mit denen es mich neugierig anblickte.
Außerdem war das Wesen braun - weiß gescheckt.
Eine Kuh.
Ich bremste scharf und kam vor ihr zum stehen.
„Willst du mich umfahren, junge Dame?“, schnaubte sie und atmete eine weiße Wolke aus ihren Nüstern.

Es war wirklich kalt heute.
„Nei - Nein, natürlich nicht!“, stotterte ich.
„Du bist doch die Freundin von Luise, oder?“, muhte sie. „Und von ihrem kleinen Sohn Max!“
„Ja, genau. Ich heiße Fine!“, antwortete ich.
„Von dir habe ich schon gehört. Alle Kühe reden fast nur von dir. Wenn sie nicht vom Essen reden!“, muhte sie und leckte sich den Mund.
„Wirklich?“ Ich wurde ganz rot. "Und wer bist du?“
„Ich bin die wilde Gerda!“, schnaubte die Kuh stolz.
„Die wilde Gerda?“, echote ich.
„Ja, ich wohne hier im Wald und mich bekommt eigentlich fast nie ein Mensch zu Gesicht. Doch dich habe ich schon oft hier durchflitzen sehen und heute wollte dir einmal `Hallo´sagen.“
„Hallo, Gerda. Ich freue mich sehr, dich zu treffen. Was bedeutet das, dass dich fast nie ein Mensch zu Gesicht bekommt?“
„Na, ich bin eine freie Kuh!“, muhte sie.
„Eine freie Kuh?“
„Genau. Keiner schreibt mir vor, was ich zu tun oder zu lassen habe. Ich lebe wo ich will, meist aber hier im Wald.

Gar nicht so weit entfernt von hier habe ich eine schöne Höhle.“
Sie schwang ihren Kopf Richtung Unterholz. „Und ich halte mich von den Menschen fern!“
„Weil sie deine Milch trinken wollen, Gerda?“, wollte ich wissen.
Plötzlich fing Gerda an, am ganzen Körper zu beben.
Ihre Flanken hoben und senkten sich und sie schnaufte angestrengt.
Was war denn jetzt los?
Das Beben wurde stärker und stärker.
Erschrocken trat ich ein paar Schritte zurück.
„Geht es dir gut, Gerda?“
Ich war besorgt.
Sie nickte mit dem Kopf und gurgelte, Tränen liefen aus ihren Augen und dann prustete sie los:
„Hahahahahahaha! Meine Milch! Hahahahahahaha, ich kann nicht mehr. Köstlich!“
Sie ließ sich in den Schnee plumpsen und drehte sich wild um die eigene Achse.
Dabei hörte sie nicht auf zu lachen.
„Hahahahahahaha!“
„Hab ich irgendetwas Falsches gesagt, Gerda?“, wollte ich wissen.
„Nein, Nein, Fine. Überhaupt nicht.“ Sie kicherte noch ein paar Mal und stand...Schwupps...wieder elegant auf ihren Beinen.
„Warum hast du denn dann so gelacht?“
„Haha, Fine. Ich finde es nur so lustig, dass die Menschen die Milch von anderen Säugetieren trinken. Haben sie denn keine eigene Mutter, die ihnen Milch geben kann? Die sollten sich mal abstillen. Gerade als Erwachsene. Das finde ich immer so urkomisch, dass ich jedes Mal einen Lachanfall bekomme.“
Wieder kicherte sie.
„Das finde ich auch, Gerda. Ich verstehe auch nicht ,warum die Menschen Milch von einer Kuh trinken müssen. Scheinbar hat ihnen vor langer Zeit einmal jemand gesagt, das sei so gesund! Aber die Milch gehört den Kälbern und sonst gar niemandem!“
Gerda nickte und schaute mich durchdringend an.
„Nein, Fine, ich halte mich einfach nur aus gesundem Kuhverstand von den Menschen fern. Also haben die anderen Kühe wirklich recht gehabt, als sie über dich sprachen. Du bist wirklich das klügste Mädchen weit und breit. "

Sie erschnupperte plötzlich etwas.
„Jetzt muß ich aber los, Fine. Tu mir einen Gefallen, ja?“
Ich nickte.
„Erzähl keinem von mir, auch nicht deinen Eltern!“

Sie stutzte.

„Doch: Sage Luise und Max einen lieben Gruß von mir, ok?“
„Klar, Gerda. Tschüß, war schön, dich kennengelernt zu haben.“
„Ganz meinerseits. Vielleicht sehen wir uns ja jetzt öfter!“, muhte sie noch, zwinkerte mir zu und verschwand im Unterholz.
Wie der Blitz radelte ich zu Luise und Max.
Völlig außer Atem kam ich an ihrer Scheune an und erzählte ihnen von Gerda.

Natürlich waren sie ihr schon einmal begegnet und freuten sich sehr, dass ich sie jetzt auch kennengelernt hatte.
„Gerda ist die mutigste Kuh, die es gibt, Fine! Du wirst sie sicherlich noch öfters treffen.

Aber wundere dich nicht. Sie ist ein wenig wie du!“, muhte Luise.
„Wie denn, Luise?“, fragte ich neugierig.
Einfach wuuuuumuuuuhhhnderbar!“
:-)