Fine befreit alle Tiere!

Es ist Heiligabend und ich liege in meinem dunklen Zimmer im Bett.
Plötzlich höre ich ein Geräusch.
Ich richte mich langsam auf und lausche in die Dunkelheit, um herauszubekommen, woher es kommt.
„Fine! Aufstehen! Wir haben viel zu tun!“, ruft leise eine mir unbekannte Stimme mit glockenhellem Klang.
„Wer bist du?“, frage ich ein wenig ängstlich.
„Ich bin wie du, Fine!“, antwortet die Stimme.
„Wie ich?“, entgegne ich neugierig.
„Ein Kind, wie du. Mit einem Auftrag!“, sagt die Stimme sanft.
Ich sehe, wie aus der Mitte des Zimmers ein schwaches Leuchten auf mich zugeflogen kommt.
Einen Meter vor mir bleibt es in der Luft stehen.
Das Leuchten wird heller und ich erkenne ein kleines Wesen mit Flügeln.
Es grinst mich an.
Was ist hier los?
„Komm, Fine! Raus aus dem Bett! Wir müssen los!“
Da dämmert es mir langsam.
Das schwebende Etwas dort kenne ich.
Natürlich, wie konnte ich nur so auf dem Schlauch stehen:
Das Christkind.
„Dich gibt es wirklich?“
Ich kann es nicht fassen.
„Klar, gibt es mich wirklich. Du hast mir doch einen Brief geschrieben. Schon vergessen?

`Zu Weihnachten wünsche ich mir kein Spielzeug oder Süßigkeiten, sondern nur, dass alle Tiere auf dieser Welt in Frieden und Freiheit leben können.`Hast du geschrieben. Oder etwa nicht, Fine?“
Ich nicke.

Doch, das hatte ich geschrieben.
„Na, dann: Zieh dir etwas Warmes an. Wir haben viel zu tun!“
„Wie meinst du das?“, will ich neugierig wissen, während ich mein Hochbett hinunterklettere und mir meine warmen Kleider überwerfe.
„Na, Fine. Genau das machen wir jetzt. Wir befreien alle Tiere. Mit welchen sollen wir beginnen?“
Es blickt mich schelmisch an.
„Äh, also, ähm!“, stottere ich, doch dann ist mir sofort klar:
„Kühe! Wir befreien alle Kühe!“
„Dann, los! Halt dich an mir fest!“, flüstert das Kind und
Woooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooosh!
Mit einer ungeheuren Geschwindigkeit fliegt es los und ehe ich verstehe, was geschieht, stehe ich vor einem großen Stall.
„Mach den Stall auf, Fine!“, fordert das Kind mich auf.
Ich drücke das schwere Tor auf und höre zuerst ein Schnauben und dann ein Muhen.
Ich trete eine paar Schritte zurück.
Eine Kuh streckt vorsichtig ihren Kopf aus dem Scheunentor.
Schüchtern sieht sie mich an und blinzelt in den hellen Schein, den das Christkind umgibt.
„Muhu“ - „Dürfen wir raus?“, fragt sich mich.
„Ja, ihr dürft alle raus. Ab jetzt seid ihr frei.“, antworte ich ihr.
„Muh?“ - „Wirklich? Ich kann es gar nicht glauben. Und keiner sperrt uns wieder ein?“
Das Kind schüttelt den Kopf und mir kullern Tränen des Glücks die Wangen hinunter.
„Muhu!“ - „Dankeschön!“, schnaubt sie, leckt mir die Hand und springt freudig davon.
Immer mehr Kühe kommen aus dem Stall und folgen ihr, bis sie in der Dunkelheit verschwunden sind.
„Wird es ihnen gut gehen?“, frage ich das Christkind, das in hellem Schein über mir schwebt.
„Mach dir keine Sorgen, Fine. Es wird ihnen gut gehen. Sie werden ihren Platz finden und mit ihren Familien und Freunden in Frieden und Freiheit leben können.“
„Und die Menschen?“
Ich war besorgt.
„Die Menschen?“, sagt das Kind nachdenklich. „Die Menschen lernen langsam wieder auf ihr Herz zu hören, Fine. Sie erkennen, dass die Tiere nicht ihnen gehören, sondern dass die Tiere sich selbst gehören. Die Tiere sind nicht für die Menschen auf dieser Welt da, sondern für sich selbst! Sie werden die Freiheit der Tiere akzeptieren müssen. Und sie werden es akzeptieren!“, schmunzelt das Kind. "Bist du schon müde, Fine?“
Ich schüttele den Kopf.
„Ganz und gar nicht!“
"Dann los, es geht weiter, Fine!“
Woooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooosh!
Wir fliegen in Lichtgeschwindigkeit über Felder, Wiesen, Berge, Ozeane, Städte, Länder und befreien alle Tiere auf der ganzen Welt aus allen Ställen, Laboren, Zoos und Gehegen.
Wir sind die ganze Nacht beschäftigt und als es hell wird, ist die Arbeit getan.
Ich blicke das Kind an, dass mir geheimnisvoll zuzwinkert, auf mich zufliegt, mich umarmt und mir ins Ohr flüstert:
"Ich danke dir aus tiefstem Herzen, dass du mir geholfen hast. Doch jetzt wird es Zeit, dass du dich ausruhst!“
Es küsst mich sanft auf die Wange und plötzlich werde ich sehr müde.
Meine Augen fallen mir zu und ich entschwinde ins Land der Träume.
„Fine. Aufstehen!“
Jemand schüttelt mich.
„Fine! Aufstehen! Aufstehen! Es ist Heiligabend und es gibt Geschenke.“
Ich öffne meine Augen.
Das Gesicht meiner Mama schwebt direkt vor mir.
„Was ist denn los, Fine? Hast du schlecht geträumt? Du bist ganz weiß im Gesicht. Hast du einen Geist gesehen?“, fragt sie mich besorgt.
Ich blicke mich um.
Ich bin in meinem Zimmer.

Weit und breit kein Christkind zu sehen.
Ich muss geträumt haben.
„Nein, alles in Ordnung!“, entgegne ich.
Plötzlich höre ich meinen Papa rufen:
„Kommt sofort her, das müsst ihr sehen!“

Blitzschnell fegen wir ins Wohnzimmer, in dem der Fernseher mit den Nachrichten läuft:
„Heute Abend wurden auf der ganzen Welt alle Tiere aus Zoos, Laboren, Ställen und Gehegen befreit. Es handelt sich um eine beispielhafte Befreiungsaktion. Es scheint so, als sind alle Menschen damit einverstanden, denn niemand versucht, die Tiere wieder einzufangen. Die Menschen spüren, dass die Zeit gekommen ist, die Tiere in Freiheit leben zu lassen!“, verkündet der Sprecher sichtlich berührt.
Ich muss lächeln und mir scheint, vor dem Wohnzimmerfenster, draußen im Schnee, sehe ich ein helles Leuchten.

Frohe Weihnachten! :-)