Gemüse selbst anbauen V - Die Schneckeninvasion

Oh, Schreck!
Als ich heute morgen in den Garten kam, sah ich mit Entsetzen, dass meine Paprika, die Zucchini, die Peperoni und die Gurken Löcher in den Blättern hatten.
Die Pflanzen ließen traurig den Kopf hängen.
Auf den Blättern sah ich etwas glitzern: Es waren keine Tautropfen.
Vorsichtig berührte ich es mit den Fingern: Es fühlte sich irgendwie schleimig an.
„Das ist Schneckenschleim!“, maunzte Mietze, unsere Katze, die neben mir ins Beet gehopst war.
„Wenn es dunkel wird, kommen die Schnecken aus ihren Verstecken und fressen alles ratzeputz leer.“, fügte sie schnurrend hinzu.
„Aber ich habe doch ein Netz gespannt, um die Pflanzen zu schützen!“, antwortete ich ihr.
„Für die Vögel mag das reichen, Fine. Aber die Schnecken kriechen überall durch und viele verstecken sich auch im Boden und kommen erst dann heraus, wenn du schläfst.“, erklärte Mietze und verscheuchte mit ihrer Tatze einen Schmetterling, der sich keck auf ihre Nase gesetzt hatte.
„Das ist voll gemein!“, rief ich und schaute meine Pflanzen an. Wenn sie nicht bald Hilfe bekommen würden, würden sie eingehen.
„Was kann ich denn dagegen machen, Mietze? Hast du eine Idee?“ Sie scharrte mit der Pfote in der Erde, blinzelte in die Sonne und miaute dann: „Fine, ich glaube, du solltest deinen Eltern erzählen, was hier los ist.“
Also stürmte ich zurück ins Haus.
Meine Mama und mein Papa saßen schon am Frühstückstisch.
Aufgeregt erzählte ich ihnen, was ich  für eine Entdeckung gemacht hatte.
„Das hatte ich schon insgeheim befürchtet, Fine! Wir haben, verursacht durch den milden Winter, eine Schneckenplage. Meinen Arbeitskollegen geht es ähnlich. Auch bei ihnen werden alle Pflanzen abgefressen. Ich dachte, bei uns wird es schon nicht so schlimm werden. Da habe ich mich wohl geirrt.“, sagte mein Vater nachdenklich.
„Was können wir denn dagegen tun? Ich will nicht, dass die Schnecken meine kleinen Pflanzen wegfressen!“ Ich war entsetzt.
„Ich glaube, ich habe eine Idee!“ Meine Mama stand vom Tisch auf. Felix, mein kleiner Bruder quietschte vergnügt auf seinem Stuhl. Ich streichelte ihm über den Kopf und gab ihm einen Kuss. „Necke! Necke!“ rief er.

Wir lachten.
Meine Mama kam zurück und hatte ein Buch unter dem Arm. Es war ein sehr dickes Buch. Sie schlug es auf und blätterte darin herum. Mein Vater und ich blickten uns erstaunt an: Was kam denn jetzt?
„Das ist Großmamas Haushaltsbuch, Fine. Hier steht allerhand Nützliches drin. Und ich glaube mich erinnern zu können, dass auch irgendwo Schnecken erwähnt werden.“ Sie blätterte eine weitere Seite um. „Hier ist es!“, rief sie dann triumphierend.
Sie überflog mit den Augen den Artikel und stöhnte leise.
„Mmh!“, bemerkte sie dann. „Mmh!“ „Was ist denn, Mama?“ Ich konnte vor Spannung nicht mehr an mich halten. Sie klappte das Buch zu. „Zuerst die gute oder die schlechte Nachricht, Fine?“ Ich blickte sie nur mit großen Augen an. „Gut,  dann zuerst die Gute: Es gibt eine Lösung für dein Problem!“ „Und die Schlechte?“, wollte ich gespannt wissen. „Es kann sein, dass die Lösung nichts bringt. Scheinbar hängt das mit den Schnecken zusammen.

Da gibt es nämlich verschiedene Arten: Weinbergschnecken, Bänderschnecken, Rote Wegschnecken, Schwarzer Schnegel und so weiter und jede ist scheinbar anders.“ „Aber was genau hilft denn jetzt vielleicht, Mama?“

Sie hob ihre Tasse zum Mund und trank einen Schluck Kaffee. „Kaffee!“, antwortete sie dann. „Kaffee?“, bemerkte mein Vater erstaunt.
„Ja, Kaffee!“, schmunzelte meine Mama. „Oder besser gesagt: Kaffeesatz. Also das, was im Kaffeefilter vom Pulver übrig bleibt, wenn das Wasser drüber gelaufen ist.“ „Igitt!“, rief ich angeekelt. „Und das mögen die Schnecken nicht?“ „Vielleicht! Vielleicht auch nicht!“ antwortete meine Mama geheimnisvoll. „Manche mögen es nicht, manchen ist es ziemlich egal.

Wir müssen es ausprobieren. Ich mache dir einen Vorschlag: Ich rufe meine Freundinnen an und sage ihnen, sie sollen allen Kaffeesatz sammeln, den sie haben und ich hole ihn dann später bei ihnen ab. Dann verteilen wir den Kaffeesatz um die Pflanzen, die den Schnecken am besten schmecken. Einverstanden?“
Mein Papa nickte anerkennend und auch ich musste zugeben, dass es ein guter Plan war.
Den Tag über hatte ich viel im Garten zu tun. Da heute Feiertag war, musste ich nicht in die Kita. Praktisch, so Feiertage.
Luise und Max, meine beiden Kuhfreunde, ließen sich nur kurz blicken und trabten dann weiter zu ihrer Herde, als sie sahen, dass ich schwer beschäftigt war. Nach dem Mittagessen fuhr meine Mama zu ihren Freundinnen und kam nach einer Stunde wieder. In der Hand hatte sie einen großen Topf und als sie den Deckel öffnete, konnte ich den Kaffee riechen. Schwarz und ölig glänzte er mir entgegen.
„So! Die Menge dürfte reichen. Jetzt schaufeln wir den Kaffeesatz um die Pflanzen herum und dann warten wir ab und legen uns auf die Lauer. Obwohl du heute Abend, wenn es um 22 Uhr dunkel wird, schon längst in deinem Bett liegen müssest, darfst du ausnahmsweise mit in den Garten. Papa hat irgendwo noch einige Stirnlampen liegen. Die setzen wir auf und haben dann genug Licht.“ Ich umarmte meine Mama. Sie hatte wirklich immer die besten Ideen.
Mein Papa kam in den Garten gelaufen. „Ich habe noch etwas in Großmamas Buch gelesen: Ratsam ist es, wenn man auch soviel Schnecken wie möglich sammelt und sie dann woanders wieder aussetzt. So können wir vielleicht dem Fraß ein wenig Einhalt gebieten.“ Ich gab meinem Papa einen Kuss. Er lächelte mich an und drückte mich.
Dann machten wir uns an die Arbeit:
Wir zogen uns Gartenhandschuhe an und griffen beherzt in den Topf. Ich drückte den Kaffeesatz vorsichtig um die Pflanzen herum, so dass er einen Ring um den kleinen Stamm bildete. Da fiel mir etwas ein: „Ist der Kaffeesatz denn gut für den Ackerboden, Papa?“ „“Keine Sorge!“, antwortete er mir schnaufend. Er kniete gerade unter dem Haselstrauch vor der Peperoni - Pflanze. „Der Kaffeesatz ist sogar guter Dünger. Da passiert nichts, Fine!“
Ich war beruhigt und schaufelte weiter. Nach einer halben Stunde waren wir fertig.
Den Kaffeesatz konnte man jetzt gut erkennen. Er hob sich von dem Braun des Ackerbodens gut ab, denn er war heller.
Ich gähnte herzhaft und plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob ich das bis heute Abend durchhalten würde. Und ich sollte recht behalten: Kaum war ich wieder in meinem Zimmer, um ein wenig zu spielen, fielen mir die Augen zu. Ich konnte gerade noch ins Bett kriechen und schwupps fiel ins Land der Träume.
„Fine!“ Von irgendwo her hörte ich eine Stimme. „Fine, Aufstehen! Die Schnecken warten!“
Mit einem Mal war ich hellwach. Ja, die Schnecken! Ich blinzelte in das Licht meiner Nachttischlampe und erkannte meine Mama und meinen Papa, wie sich mich anlächelten.
„Aufstehen, Fine. Es ist schon dunkel und draußen sind ganz viele Schnecken.“
Ich warf die Bettdecke von mir und zog mich rasch an.
Auch Mietze wartete schon ungeduldig an der Terrassentür auf mich.
Wir zogen uns die Stirnlampen über, schalteten sie ein und gingen raus ins Dunkle.
Der Garten lag ganz still da. Ich konnte mich erinnern, dass ich erst einmal so spät auf den Beinen war. Und das war...Ach, das lest ihr am besten in meinem Buch!:-)
Die Stirnlampen schnitten kleine, helle Lichtkegel in die Nacht und wir näherten uns meinem Gemüsebeet. „Schau auf den Boden, Fine. Sonst trittst du noch auf eine Schnecke.“, flüsterte meine Mama. Mietze fauchte leise und verschwand hinter einem Busch, kletterte auf den Zaun, der unser Grundstück von Bauer Karls Weide trennte und war verschwunden. „Ich glaube, Mietze mag keine Schnecken!“, sagte ich leise.
Und dann war ich baff: Vor meinem Augen auf dem halbdunklen Rasen krochen mindestens zwanzig Schnecken und hinterließen dort kleine Schleimspuren.
Wir gingen weiter und achteten darauf, auf keine Schnecke zu treten. Mein Vater gab mir einen kleinen Korb und eine hölzerne Grillzange.
„Damit kannst du die Schnecken aufheben, ohne sie zu verletzen. Dann setzt du sie hier hinein.“, erklärte er.
Ich nahm die Zange in die Hand und sah plötzlich mein Beet vor mir. Unvermittelt tauchte es aus der Dunkelheit auf und wieder bekam ich einen Schreck. Genauso viele Schnecken wie auf dem Rasen tummelten sich zwischen meinen Pflanzen.
Sie waren ziemlich lang, schwarz und glitschig. „Bäh!“ Ich bekam eine Gänsehaut.
Einige Minuten beobachteten wir das Schauspiel und sahen, dass die Schnecken einen Bogen um die Pflanzen machten, die mit dem Kaffeesatz versehen waren. Außer einer, die auf der Zucchine saß und sich wohl nicht vom dem Kaffee abschrecken ließ.
„Es wirkt!“, rief ich. „Es wirkt! Die meisten Schnecken rühren die Pflanzen nicht an.“ Ich war begeistert. Ich ging noch näher heran, öffnete das Netz und stieg hinein.
„Hier Fine. Ich habe etwas für dich.“ Meine Mama reichte mir etwas. Es war eine Lupe. „Damit kannst du dir die Schnecken mal etwas genauer anschauen. Es handelt sich hier wohl um den ´Schwarzen Schnegel´, die größte Nacktschneckenart, die es gibt.“
„Na, da haben wir ja richtig Glück gehabt, dass sie hier ist!“, bemerkte ich . Meine Eltern lachten.
Ich leuchtete also die große Schnecke an, die auf dem Zucchinblatt herum balancierte und beobachtete sie durch die Lupe. Sie blickte interessiert zurück. Es kam mir vor, als würde sie mich sogar angrinsen, aber das musste ich mir einbilden.
„Hey!“, sprach ich sie an. „Ich finde es nicht gut, dass du meine Pflanzen anknabberst. Deswegen werde ich dich und deine Freunde jetzt nehmen und woanders wieder aussetzen. Wahrscheinlich passt euch das nicht, aber es geht nicht anders. Ich liebe meine Pflanzen.“ Sie schien zu nicken und mit ihren schleimigen Achseln zu zucken.
Also nahm ich sie mit der Zange auf und legte sie in den Korb. Dasgleiche tat ich mit ungefähr fünfzig anderen. Danach liefen wir einige hundert Meter weiter und ließen sie auf einer kleiner Wiese wieder frei. Auch Mietze war uns gefolgt, doch sie hielt gebührend Abstand.
Ihr war das alles wohl nicht ganz geheuer.

Auf dem Rückweg nachhause lauschte ich in die Nacht. Ich hörte Geräusche, die ich noch nie in meinem Leben gehört hatte. Überall raschelte es. Eine Eule schrie und einige Meter vor uns sahen wir einen Schatten hinter einem Baum. "Ein Reh!", flüsterte mein Vater.
Im Haus schlurfte ich müde in mein Zimmer und legte mich ins Bett. Auch meine Eltern gähnten und nach dem Gute Nacht Kuss schliefen wir alle friedlich ein.
Am nächsten Morgen war ich schon früh wach und lief eiligst in den Garten und was ich sah, ließ mein Herz höher schlagen:
Auch nachdem wir schlafen gegangen waren, hatten die Schnecken einen großen Bogen um ihre favorisierten Pflanzen gemacht und auch den Kohlrabi, den Salat, die Radieschen, die Tomaten und die gerade keimenden Sonnenblumen in Ruhe gelassen.
Ich war froh darüber, wußte aber auch, dass sie jeden Abend nach Sonnenuntergang wieder kommen würden. Mein Papa versprach mir, er würde, so oft es ginge die Schnecken absammeln und wegbringen.
„Auch wenn es für dich komisch klingt, Fine, aber der Garten gehört uns nicht alleine, sondern auch den Tieren und somit auch den Schnecken.“ Ich nickte. Papa hatte recht. Auch die Schnecken hatten Hunger. Trotzdem wollte ich nicht, dass sie meine Pflanzen fressen, denn ich freute mich schon sehr auf die vielen Gemüsesorten, die wir hoffentlich bald im Spätsommer ernten würden.
Ich gab ihm einen Kuss, stieg auf mein Fahrrad, begrüßte Luise und Max, die freudig auf der Weide standen und mir mit ihren Schwänzen zuwinkten und fuhr in die Kita zu meinen Freunden. Ich hatte ihnen eine Menge zu erzählen.
Bis Bald, liebe Freunde.
Eure Fine.